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Die erste Führungsentscheidung, die ich bereut habe.

Ein befreundeter Kollege, eine offene Stelle, und die bequemste Entscheidung die ich je getroffen habe. Was mich das gekostet hat, und die Regel die seither jede meiner Personalentscheidungen bestimmt.

Von Wlad Jachtchenko · 14. Juli 2026

Ich war seit vier Monaten Team-Lead, als die Stelle für stellvertretende Teamleitung frei wurde. Zwei Kandidaten standen zur Wahl. Eine Kollegin, die fachlich die Stärkste im Team war, aber zurückhaltend, manchmal zu leise in Meetings, jemand die man erst nach ein paar Wochen wirklich einschätzen konnte. Und Marco. Marco, mit dem ich seit dem ersten Arbeitstag befreundet war. Mit dem ich mittags aß, mit dem ich nach Feierabend ein Bier trank, der mich in den ersten schwierigen Wochen als Neu-Führungskraft aufgefangen hatte, als ich nachts wachlag und mich fragte, ob ich das überhaupt kann.

Ich habe Marco genommen. Ich habe mir damals eingeredet, dass ich objektiv entschieden hätte. Er war zuverlässig, er kannte das Team, er hatte gute Ideen. Alles davon war wahr. Was ich mir nicht eingestand: die eigentliche Entscheidung war längst gefallen, bevor ich überhaupt angefangen hatte, "objektiv" zu vergleichen. Ich wollte nicht die unbequeme Entscheidung treffen. Ich wollte nicht riskieren, dass mein Freund sich zurückgesetzt fühlt. Ich wollte nicht das komische Gefühl haben, beim nächsten Bier jemandem gegenüberzusitzen, den ich gerade übergangen hatte.

Die ersten Wochen fühlten sich richtig an.

Und genau das war das Tückische. Marco war ein guter Kumpel als Stellvertreter. Er unterstützte mich, wir verstanden uns blind, Meetings liefen entspannt. Was fehlte, war Reibung · und Reibung ist genau das, was eine gute Stellvertretung leisten muss. Er stellte meine Entscheidungen nie infrage, weil er nicht wollte, dass es zwischen uns komisch wird. Ich stellte seine Arbeit nie kritisch infrage, aus demselben Grund. Wir hatten uns gegenseitig ein bequemes System gebaut, in dem keiner den anderen wirklich herausforderte.

Die Kollegin, die ich übergangen hatte, wurde in den folgenden Monaten spürbar leiser. Nicht dramatisch, nicht mit einer großen Aussprache. Sie machte einfach weniger Vorschläge. Sie übernahm keine Extra-Initiative mehr. Ich habe monatelang gebraucht, um zu verstehen, warum. Sie hatte verstanden, was ich mit meiner Entscheidung eigentlich kommuniziert hatte, auch ohne ein Wort: hier zählt nicht die beste fachliche Leistung. Hier zählt, wer mit dem Chef befreundet ist.

Der Moment, an dem es kippte.

Neun Monate später verließ sie das Unternehmen. Im Abschiedsgespräch sagte sie einen Satz, den ich nie vergessen habe: "Ich wollte nicht in einem Team bleiben, in dem Loyalität mehr zählt als Leistung." Sie war nicht wütend. Sie war einfach fertig mit einer Erwartung, die sich nicht erfüllt hatte. Ich hatte keine gute Antwort. Ich hatte nur die Erkenntnis, die mich seitdem begleitet: ich hatte nicht die falsche Person befördert, weil ich sie für besser hielt. Ich hatte sie befördert, weil es für MICH die leichtere Entscheidung war. Ich hatte meinen eigenen Komfort mit einer guten Personalentscheidung verwechselt.

Marco selbst hat übrigens nach einem Jahr um eine Rückstufung gebeten. Er sagte offen, er habe die Rolle nie wirklich gewollt, sondern nur nicht nein sagen können, als ich sie ihm anbot. Auch er hatte die Konsequenz getragen · nur eine andere.

Was daraus eine Regel wurde.

Seit diesem Fehler halte ich mich an eine einfache, unbequeme Regel: bei jeder Personalentscheidung, bei der eine mir nahestehende Person zur Auswahl steht, hole ich mir vorher eine unabhängige zweite Einschätzung ein · von jemandem, der keine persönliche Beziehung zu keinem der Kandidaten hat. Nicht, weil ich mir selbst nicht traue, Fakten zu bewerten. Sondern weil ich gelernt habe, dass Nähe die eigene Wahrnehmung so leise verschiebt, dass man es selbst nicht merkt. Objektivität ist kein Gefühl. Es ist ein Prozess, den man sich selbst aufzwingen muss, gerade dann, wenn man überzeugt ist, objektiv zu sein.

Führung ist Fähigkeit. Fähigkeit ist trainierbar.

— Wlad Jachtchenko

Die Fähigkeit, die ich damals nicht hatte, war nicht "Menschen einschätzen können". Die hatte ich. Die Fähigkeit, die mir fehlte, war: die eigene Bequemlichkeit erkennen, bevor sie eine Entscheidung trifft, die eigentlich der Sache gehört. Das trainiert man nicht durch gute Absicht. Das trainiert man, indem man sich selbst Regeln setzt, die härter sind als das eigene Bauchgefühl im Moment der Entscheidung. Genau dafür ist diese Geschichte hier · nicht als Beichte, sondern als Regel, die ich jedem weitergebe, der gerade zum ersten Mal führt.

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