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Brief an meinen 28-jährigen Selbst · bevor ich zum ersten Mal Team-Lead wurde.
Was ich jeder neuen Führungskraft heute sage. Vom Kollegen zum Chef, die ersten 100 Tage, der Selbstzweifel-Loop, die fünf Fehler die dich ein Jahr kosten. Ein Brief an mein jüngeres Ich.
Von Wlad Jachtchenko · 18. August 2026
Lieber Wlad. Du bist 28. Heute hat dich Andreas in sein Büro geholt und gesagt: "Du übernimmst das Team ab dem ersten." Du hast genickt. Du hast gelächelt. Du bist rausgegangen, hast die Tür hinter dir zugezogen, und auf dem Flur kam dieser eine Gedanke: ich habe keine Ahnung was ich da tue.
Du wirst die nächsten sechs Monate kaum schlafen. Du wirst um 23 Uhr noch Slack lesen. Du wirst Sonntagabends ein Gedankenkarussell haben das sich um drei Mitarbeiter dreht. Du wirst denken, du musst es allen zeigen. Du wirst pushen. Du wirst kontrollieren. Du wirst Überstunden machen die dich nichts bringen.
Ich schreibe dir das hier nicht, damit du es vermeidest. Du wirst es trotzdem machen. Ich schreibe dir das hier, damit du es schneller hinter dich bringst. Damit du in Monat drei merkst, was du in Monat zwölf sowieso lernst. Das ist alles was ein guter Brief leisten kann.
Du wirst denken du musst alles können. Du musst es nicht.
Als Kollege warst du der Beste im Team. Deshalb hat Andreas dich gefragt. Du wirst daraus den falschen Schluss ziehen: "Ich muss jetzt überall der Beste sein." Falsch. Deine Aufgabe ist nicht, der beste Entwickler / Verkäufer / Berater im Raum zu sein. Deine Aufgabe ist, deine fünf Rollen als Führungskraft sauber zu spielen.
Du spielst ab dem ersten · egal ob du das willst oder nicht · fünf Rollen: Vorausschauer, Entscheider, Kommunikator, Verstärker, Verteidiger. Keine davon ist "selbst liefern". Das wirst du in den ersten Wochen am schwersten akzeptieren. Du wirst dich beim Arbeiten ertappen und denken: "Aber ich muss doch was tun." Doch. Du tust was. Aber nicht das was du vorher getan hast.
Den ersten Monat verschwendest du damit, weiter die Arbeit zu machen die nicht mehr deine Arbeit ist. Den zweiten Monat ärgerst du dich, dass dein Team langsamer ist als du. Den dritten Monat verstehst du: dein Team ist nicht langsamer. Du hast es nur nicht in die Lage versetzt, schneller zu sein. Das ist deine Verantwortung. Das ist deine Arbeit.
Du wirst pushen. Hör auf, bevor das Team kündigt.
In Monat vier wird Lisa zu dir kommen. Sie wird sagen, dass sie überlegt zu kündigen. Sie wird höflich sein. Sie wird Dinge sagen wie "ich brauche mehr Verantwortung". Was sie eigentlich meint: "Du lässt mich nicht atmen." Und sie hat recht. Du hast in den ersten drei Monaten alles doppelt kontrolliert, alles nochmal nachgefragt, jede Email vorab gelesen.
Das ist Mikromanagement. Es fühlt sich an wie "ich sorge dafür dass es läuft". Aus Team-Sicht ist es "mein Chef vertraut mir nicht". Das ist die häufigste Ursache für Kündigungen die ich in 17 Jahren Coaching gesehen habe. Nicht Geld. Nicht Karriere. Mikromanagement.
Was du brauchst: drei klare Delegations-Regeln. Erstens: jeden Auftrag mit Ergebnis und Deadline definieren, nicht mit Methode. Zweitens: nicht zwischendurch nachfragen. Drittens: im 1:1 die Methode reflektieren, nicht das Ergebnis. Wenn du das durchziehst, sparst du dir 5-10 Stunden pro Woche und dein Team wird produktiver, nicht weniger.
Die fünf Fehler die dich ein Jahr kosten.
Hier sind sie, in der Reihenfolge in der du sie machen wirst. Lies sie. Mark dir die zweite. Die zweite kostet dich am meisten.
Eins: Du machst Kollege-Gespräche statt Führungs-Gespräche. Wenn dich Tim fragt "wie sollen wir das machen", wirst du eine Antwort geben. Falsch. Du fragst zurück: "Was ist dein Vorschlag?" Das ist nicht Bequemlichkeit. Das ist deine eigentliche Arbeit. Sonst trainierst du dein Team darauf, bei jeder Entscheidung bei dir aufzulaufen.
Zwei: Du wirst nicht mit deinem Chef arbeiten. Andreas ist nicht mehr dein Vorgesetzter im klassischen Sinn · er ist dein erster Sparring-Partner. Du brauchst ein wöchentliches 1:1 mit ihm. Du brauchst eine klare Frage in jedem Meeting. Du brauchst seinen Schutz für dein Team. Wenn du das in den ersten 100 Tagen nicht etablierst, kämpfst du das ganze Jahr ohne Rückendeckung.
Drei: Du wirst zu spät anfangen, dein Team kennenzulernen. Ich rede nicht von "wie alt sind deine Kinder". Ich rede von: was treibt diese Person, was killt sie, woran will sie gemessen werden. Du brauchst in den ersten 30 Tagen ein 60-Minuten-Gespräch mit jedem. Strukturiert. Mit Notizen. Sonst führst du Phantome.
Vier: Du wirst keine Routinen bauen. Du wirst ad-hoc reagieren. Du wirst jeden Tag aufstehen und dich fragen "was muss ich heute tun". Das ist der schnellste Weg ins Burnout. Du brauchst feste Slots: Montag Wochen-Planung, Dienstag bis Donnerstag 1:1-Tage, Freitag Reflexion. Wer ohne Struktur führt, wird von der Struktur seines Tages geführt.
Fünf: Du wirst dich für deine Entscheidungen entschuldigen. Du wirst Mails schicken die mit "ich denke vielleicht könnten wir" anfangen. Du wirst in Meetings sagen "das ist nur ein Vorschlag". Lass das. Entscheide klar, kommuniziere klar, halte aus dass jemand sauer ist. Die Energie die du in das "weichspülen" investierst, kostet dein Team Klarheit und dich Glaubwürdigkeit.
Was du heute schon machen kannst.
Du wirst diesen Brief lesen und denken: "Klingt logisch, aber wie genau?". Hier ist die kürzeste Antwort die ich dir geben kann.
Was du nicht machen sollst.
Du wirst Bücher kaufen. Vier, fünf, sieben. Du wirst LinkedIn-Influencer lesen. Du wirst Podcasts hören während du joggst. All das ist nicht falsch, aber alleine nutzlos. Wissen ohne Drill ist Stress mit Anlauf. Was du brauchst ist: ein System das dich täglich 15 Minuten zwingt zu trainieren · Feedback geben, Konflikt lösen, Entscheidung kommunizieren · bis es Reflex ist.
Du wirst denken, du brauchst einen Coach. Vielleicht. Aber ein Coach allein, einmal die Woche, reicht nicht. Du brauchst tägliche Mikro-Übung. Du brauchst einen Sparring-Partner der 24/7 verfügbar ist, der jede deiner Mails reviewen kann bevor du sie schickst, der dir vor jedem schwierigen Gespräch drei Eröffnungsvarianten gibt. Genau das hatte ich mit 28 nicht. Du wirst es haben können.
In sechs Monaten wirst du es nicht wiederkennen.
Du wirst in Monat sechs zu einem 1:1 mit Tim gehen. Du wirst eine schwierige Botschaft haben. Du wirst zwei Minuten vorher Kaffee holen, drei tief atmen, und dann reingehen. Du wirst klar sein. Du wirst kurz sein. Du wirst aushalten dass Tim erst still wird, dann verteidigt, dann nachfragt. Du wirst nicht weichspülen. Du wirst nicht einknicken. Du wirst nicht nachträglich eine Mail schreiben.
Und auf dem Rückweg zum Schreibtisch wirst du merken: das hat zehn Minuten gedauert, hat nicht weh getan, und Tim hat es respektiert. Das ist der Moment in dem du Führungskraft wirst. Nicht beim Titel. Nicht beim Gehalt. In diesem Gespräch. In sechs Monaten.
Bis dahin: trink mehr Wasser, schreib weniger Sonntagabend-Slacks, und ruf deine Mutter an. Gruß, Wlad (mit 17 Jahren mehr).